Die Webseite kryptoluecke.de behauptet, Deutschland entgingen Milliarden an Steuereinnahmen durch Kryptowährungen. Sie fordert die Abschaffung der einjährigen Haltefrist – jener Regel, die vor allem Bitcoin-Investoren zugutekommt. Doch wer steckt hinter dieser Forderung, wer finanziert sie, und halten die zugrundeliegenden Zahlen einer Prüfung stand?
1. Der Mann hinter kryptoluecke.de
Betreiber der Seite ist Co-Pierre Georg, Professor an der Frankfurt School of Finance and Management und Direktor des dortigen Blockchain Centers. Auf den ersten Blick ein seriöser Akademiker mit beeindruckendem Lebenslauf: Promotion summa cum laude, Forschungsaufenthalte am MIT, in Princeton und an der Columbia University, Publikationen im Journal of Financial Economics und in Nature Physics.
Doch ein Blick in Georgs öffentlich einsehbaren Lebenslauf offenbart ein Geflecht finanzieller Verbindungen zur Krypto-Industrie, das auf seiner Webseite kryptoluecke.de mit keinem Wort erwähnt wird.
Follow the Money – Drittmittel von Krypto-Unternehmen
Alle drei Geldgeber haben eines gemeinsam: Sie betreiben Blockchain-Netzwerke, die auf Proof-of-Stake oder alternativen Konsensverfahren basieren – und stehen damit in direkter Konkurrenz zu Bitcoin, das auf Proof-of-Work setzt. Keines dieser Unternehmen wird auf kryptoluecke.de als Geldgeber genannt. Für eine Webseite, die politische Forderungen zur Steuergesetzgebung erhebt, ist diese fehlende Transparenz bemerkenswert.
Zum Vergleich: Würde ein Politiker, der über Jahre hinweg 1,65 Millionen Dollar von Banken erhalten hat, eine Webseite betreiben, die „unabhängig" eine für Banken vorteilhafte Regulierungsänderung fordert – man würde ihn zurecht als Lobbyisten bezeichnen. Bei Co-Pierre Georg ist die Situation nicht anders.
2. Ripple, Greenpeace und das Muster der Einflussnahme
Dass ausgerechnet Ripple zu Georgs Geldgebern gehört, ist aufschlussreich. Ripple hat eine dokumentierte Geschichte der verdeckten Einflussnahme auf das Bitcoin-Ökosystem.
Im März 2022 startete Ripple-Mitgründer Chris Larsen die Kampagne „Change the Code, Not the Climate" – finanziert mit 5 Millionen Dollar an die Umweltorganisation Greenpeace. Ziel: Bitcoin solle seinen Proof-of-Work-Algorithmus aufgeben und auf Proof-of-Stake umsteigen – zufällig genau das Verfahren, das Ripple selbst nutzt. Die Kampagne wurde von der Bitcoin-Community zurückgewiesen und im Dezember 2024 nach zwei Jahren ohne Ergebnis eingestellt.
Das Muster ist klar: Ripple investiert Millionenbeträge, um Bitcoin zu schwächen – sei es technisch über Greenpeace oder regulatorisch über akademisch verpackte Lobbyarbeit. In beiden Fällen wird das eigentliche Ziel hinter einer scheinbar neutralen Fassade verborgen: Umweltschutz im einen Fall, Steuergerechtigkeit im anderen.
3. Die US-Krypto-Lobby greift nach Europa
Georgs Lobbyarbeit findet nicht im luftleeren Raum statt. Sie ist Teil einer breiteren Offensive der US-amerikanischen Krypto-Industrie, die unter der Trump-Administration massiv an politischem Einfluss gewonnen hat und diesen nun nach Europa exportiert.
Die Zahlen sind beeindruckend: Für den US-amerikanischen „Clarity Act" investierten Krypto-Unternehmen 2025 Millionenbeträge in Lobbying. Coinbase führte mit über 2 Millionen Dollar, gefolgt vom neu gegründeten Solana Policy Institute, Kraken und Ripple – jeweils mit sechsstelligen bis siebenstelligen Beträgen. Führungskräfte von Solana Labs, Ripple und Coinbase wurden in das Innovation Advisory Committee der US-Aufsichtsbehörde CFTC berufen.
Und jetzt kommt Europa. Coinbase hat 2025 als erster US-Krypto-Exchange eine MiCA-Lizenz in Luxemburg erhalten und seinen europäischen Hauptsitz dorthin verlegt – mit Zugang zu 450 Millionen EU-Bürgern. Parallel baut Coinbase eine europäische Version seiner Lobby-Plattform „Stand with Crypto" auf, mit Brüssel als Zielregion. Das Solana Policy Institute hat seinen eigenen Lobbyapparat aufgebaut, mit einer ehemaligen CEO der Blockchain Association als Präsidentin.
Warum Deutschlands Steuermodell ein Problem für diese Firmen ist
Um zu verstehen, warum die US-Krypto-Lobby ein Interesse an der Abschaffung der deutschen Haltefrist hat, muss man verstehen, wie diese Regel den Markt strukturiert:
| Aktivität | Steuerliche Behandlung nach 1 Jahr | Profiteur |
|---|---|---|
| Bitcoin kaufen und halten | 100% steuerfrei | Bitcoin-Investoren |
| Staking (ETH, SOL, ADA, AVAX …) | Staking-Rewards sofort als Einkommen steuerpflichtig (bis 45%) | Finanzamt |
| DeFi (Swaps, Liquidity Pools) | Jeder Swap = steuerpflichtiges Veräußerungsgeschäft | Finanzamt |
| NFT-Handel | Jeder Kauf/Verkauf = steuerpflichtiges Veräußerungsgeschäft | Finanzamt |
Bitcoin ist das einzige große Krypto-Asset, das von der einjährigen Haltefrist uneingeschränkt profitiert. Wer Bitcoin kauft und ein Jahr hält, hat einen komplett steuerfreien Gewinn – ohne Wenn und Aber. Keine Staking-Rewards, die versteuert werden müssen. Keine DeFi-Swaps, die als Veräußerungsgeschäfte gelten. Keine NFT-Transaktionen.
Für rationale Anleger, die steueroptimiert investieren wollen, ist die Schlussfolgerung klar: Bitcoin ist in Deutschland das steuerlich attraktivste Krypto-Investment. Und genau das kostet Plattformen wie Solana, Algorand, Avalanche und Ripple reales Investorenkapital. Geld, das in Bitcoin fließt, fließt nicht in Staking-Pools, DeFi-Protokolle oder NFT-Marktplätze.
Die Abschaffung der Haltefrist würde Bitcoins strukturellen Steuervorteil beseitigen – und die Wettbewerbsbedingungen zugunsten der Proof-of-Stake-Plattformen nivellieren. Kryptoluecke.de liefert dafür die scheinbar neutrale, akademische Munition.
4. Die Blockpit-Studie: Fragwürdige Daten, aufgeblähte Zahlen
Die zentrale Datenquelle auf kryptoluecke.de ist der „Crypto Tax Report 2025" der österreichischen Firma Blockpit. Daraus stammen die Kernzahlen: 7 Millionen Krypto-Investoren in Deutschland, 47,3 Milliarden Euro realisierte Gewinne, eine Steuerlücke von über 31 Milliarden Euro. Zahlen, die Schlagzeilen machen – aber einer methodischen Prüfung nicht standhalten.
Problem 1: Extremer Selection Bias
Die gesamte Studie basiert auf Daten von rund 10.000 Blockpit-Nutzerkonten, die auf 7.000.000 deutsche Krypto-Investoren hochgerechnet werden. Das ist eine Extrapolation um den Faktor 700. Blockpit-Nutzer sind Menschen, die sich aktiv eine kostenpflichtige Steuer-Software zugelegt haben – per Definition überdurchschnittlich aktive Trader mit überdurchschnittlich hohen Portfolios. Diese Stichprobe ist in keiner Weise repräsentativ für den durchschnittlichen deutschen Krypto-Anleger, der möglicherweise 200 Euro in Bitcoin hält.
Problem 2: Durchschnitt statt Median – der Faktor-4-Trick
Das durchschnittliche Portfolio der Blockpit-Nutzer beträgt laut Studie 57.200 €. Der Median – also der tatsächliche Wert in der Mitte – liegt bei nur 13.000 €. Diese Diskrepanz um mehr als Faktor vier zeigt eine extreme Schiefe: Wenige Großanleger ziehen den Durchschnitt massiv nach oben.
Die Hochrechnung auf kryptoluecke.de verwendet den Durchschnitt:
7 Mio. × 57.200 € = ~400 Mrd. € Gesamtvolumen
Mit dem Median gerechnet: 7 Mio. × 13.000 € = 91 Mrd. €
Differenz: 309 Milliarden Euro – aufgeblasen durch methodische Verzerrung.
Die Zahl von 47,3 Milliarden Euro realisierten Gewinnen basiert auf derselben verzerrten Methodik. Bei einer Berechnung mit dem Median würden die Gewinne auf einen Bruchteil zusammenschrumpfen.
Problem 3: Cherry-Picking bei der Compliance-Rate
Auf kryptoluecke.de wird eine Steuer-Compliance von 30% als Basiswert verwendet – mit dem Hinweis, dass Blockpit sogar von nur 3% ausgeht. Doch die Studienlage ist deutlich breiter:
| Quelle | Compliance-Schätzung | Methodik |
|---|---|---|
| Blockpit (2025) | Unter 3% | Transaktionsdaten eigener Software-Nutzer |
| PwC (2024) | 5–45% | Schätzung der Steuerbehörden weltweit |
| CoinLaw (2025) | 66% | Umfrage unter dt. Krypto-Investoren |
Die Spanne reicht von 3% bis 66% – je nach Quelle und Methodik. Kryptoluecke.de wählt gezielt die dramatischsten Zahlen, um die „Steuerlücke" maximal aufzublasen.
Problem 4: Blockpits eigener Interessenkonflikt
Hier schließt sich der Kreis: Blockpit ist ein kommerzielles Krypto-Steuer-Software-Unternehmen. Sein Geschäftsmodell lebt davon, dass Krypto-Investoren glauben, sie hätten ein komplexes Steuerproblem, das nur mit spezialisierter Software gelöst werden kann. Je größer die behauptete „Steuerlücke", desto dringender das vermeintliche Bedürfnis nach Blockpits Produkt.
Der „Crypto Tax Report 2025" ist kein peer-reviewter Forschungsbericht. Er wurde von keiner unabhängigen Instanz überprüft. Er ist, bei aller Professionalität der Aufmachung, ein Marketingdokument – unterschrieben vom CEO Florian Wimmer persönlich.
5. Fazit: Lobbyarbeit im akademischen Gewand
Kryptoluecke.de ist keine unabhängige wissenschaftliche Analyse. Es ist ein Lobbying-Instrument, das die Interessen der Proof-of-Stake-Krypto-Industrie bedient – verpackt in das seriöse Auftreten eines Professors der Frankfurt School.
Die Konstruktion ist dabei durchaus raffiniert: Ein von Ripple, Algorand und AvaLabs mit insgesamt 1,65 Millionen Dollar finanzierter Akademiker erstellt eine Webseite, die auf den Daten eines kommerziell interessierten Steuer-Software-Unternehmens basiert, um eine politische Forderung zu erheben, die exakt den Interessen seiner Geldgeber dient – die Abschaffung einer Steuerregel, die ihren größten Konkurrenten Bitcoin bevorzugt.
Das alles geschieht vor dem Hintergrund einer aggressiven Expansion der US-Krypto-Lobby nach Europa. Coinbase baut seine Lobbyplattform „Stand with Crypto" in Brüssel auf. Das Solana Policy Institute hat seinen eigenen Lobbying-Apparat geschaffen. Und die deutsche Haltefrist – die weltweit einzigartige Regel, die langfristige Bitcoin-Investoren steuerfrei stellt – ist dabei ein klares Ziel.
Deutsche Anleger und Gesetzgeber sollten wissen, welche Interessen hinter Forderungen nach einer „gerechteren" Krypto-Besteuerung stehen, bevor sie politischen Handlungsempfehlungen folgen, die als neutrale Forschung daherkommen.
Transparenzhinweis: Dieser Artikel wurde verfasst, um einen öffentlichen Diskurs über die Interessenlagen in der Krypto-Steuerdebatte zu ermöglichen. Der Autor hält selbst Kryptowährungen, darunter Bitcoin, und hat ein persönliches Interesse am Erhalt der aktuellen Steuerregelung. Im Gegensatz zu kryptoluecke.de legen wir diese Interessen offen.